Ein
Tag im Tierheim...
- von Gudrun Lincke, Tierheimleiterin -
Wie
an jedem Morgen führt mich auch heute mein erster Weg zu den
Feuerwehrboxen *) um nachzusehen, ob wir in der vergangenen
Nacht „Neuzugänge“ bekommen haben. Glücklicherweise sind
beide Zwinger leer.
Nachdem
wir am Wochenende zwei neue Hunde bekamen, wurde es in den
Zwingern sehr eng. Keiner der beiden trägt ein Halsband mit
Adressenanhänger oder Steuermarke, auch ein Mikrochip **)
konnte mit Hilfe des Lesegerätes nicht gefunden werden. Nun heißt
es abwarten, ob sich ein Besitzer meldet.
Der
Rundgang führt mich weiter zu den Zwingern. Hier muss
nachgesehen werden, welche Hunde noch Durchfall haben. Alle
Hunde hatten sich nämlich mit einem Darmvirus infiziert.
Durchfall und teilweise auch hohes Fieber waren die Folge. Dank
der tierärztlichen Behandlung ist heute fast wieder alles in
Ordnung.
Weiter
geht es zu den Kleintieren; auch hier hat sich nichts
Wesentliches ereignet.
Bei
den Katzen scheint ebenfalls alles in Ordnung zu sein - bis auf
"Joda", ein uralter Kater, der bei uns vor einigen
Tagen mehr tot als lebendig als Fundtier abgegeben wurde. "Joda"
steht heute nicht zur Begrüßung an der Tür, um freudig und
voller Ungeduld seine Vitamin- und Aufbaupräparate zu schlecken
- er liegt apathisch in seinem Korb und hatte in der Nacht
erbrochen. Nach der Fütterung muss "Joda"
zum Tierarzt gefahren werden.
Während
ich im Büro einige Telefonate erledige, hat Cora Bonnet bereits
mit der Zubereitung des Hundefutters begonnen, welches heute aus
Lamm und Reis-Diät besteht. Erforderliche Medikamente (z. B.
Wurmkur, evtl. Antibiotika, Herztabletten etc.) werden in
Leberwurst versteckt und verabreicht. Somit ist die Aufnahme der
Tabletten gewährleistet und die Hunde freuen sich über das zusätzliche
Leckerle.
Wegen
des Risikos einer evtl. Magendrehung werden die Hunde im Wechsel
gefüttert, d. h. zuerst bekommen die Hunde Futter, die nicht in
der ersten Runde in die Wiesenausläufe gebracht werden. Wenn
diese "erste Runde" in die Zwinger zurückkommt,
erfolgt deren Fütterung.
Um
die Fütterung der Katzen kümmert sich Conny Bauer; sie kennt
die Vorlieben unserer Katzen genau. Auch hier brauchen einige
Stubentiger Medikamente, in den meisten Fallen ist es eine
Wurmkur, nur wenige bekommen andere Tabletten. Hier ist die
Verabreichung nicht so einfach, wie bei den Hunden - Katzen
lassen sich mit Leberwurst nicht so leicht austricksen.
Die
meisten Katzen haben ein Gespür für versteckte Tabletten und
spucken diese - nach dem sie die Leberwurst sorgfältig
abgeschleckt haben - wieder aus. Dann müssen wir uns etwas
anderes einfallen lassen.
Nachdem
alle Tiere versorgt sind, werden die Wiesenausläufe mit der
ersten Runde der Hunde belegt. Dann haben wir Zweibeiner Zeit für
einen Kaffee oder Tee und es wird über Veränderungen (Neuzugänge,
Vermittlungen, Erkrankungen etc), die sich am Wochenende
ereigneten, informiert.
Nach
einer kurzen Arbeitsbesprechung, in der die tierärztlichen
Behandlungen und sonstiges Anstehende festgelegt und besprochen
wird, gehen wir alle zurück an die Arbeit.
Heute
ist Großputztag mit anschließender Desinfektion bei den Hunden
angesagt. Alle Innen- und Außenboxen werden mit dem
Hochdruckreiniger ausgespritzt und abgezogen (getrocknet),
ebenso die Pritschen, Gummiliegematten und Körbe. Handtücher
und Decken müssen ausgewechselt und gewaschen werden und alle
Futterschüsseln sind zu spülen. In der Regel wird diese Arbeit
von zwei Kolleginnen ausgeführt; heute hilft noch eine Schülerpraktikantin.
Zwischenzeitlich werden die Hunde im Wechsel in die Ausläufe
gegenüber dem Tierheim gebracht.
Da
am Wochenende einige Hunde aus der Gruppe vermittelt wurden, müssen
wir versuchen, welche Hunde sich in die Gruppe integrieren
lassen. Hierbei müssen immer mindestens zwei Mitarbeiterinnen
wegen eventueller Beißereien anwesend sein.
Bei
den Katzen, die in der oberen Etage unseres Tierheimes
untergebracht sind, ist die Belegung z. Z. nicht so stark, wie
bei den Hunden. Neben sechs Pflegekatzen beherbergt das Tierheim
momentan 23 Herrenlose; fünf davon sind so scheu, dass man sie
nicht anfassen kann. Dadurch haben diese Tiere kaum eine
Vermittlungschance.
Auch
hier wird heute gründlich gereinigt, Katzentoiletten müssen
ausgetauscht werden, Kacheln und Fensterscheiben sind zusätzlich
abzuwaschen, in den Körbchen liegende Handtücher und Decken
werden gewechselt und gewaschen. Conny Bauer wird bei dieser
Arbeit von einer zweiten Praktikantin unterstützt.
In
der Zwischenzeit stelle ich die Behandlungsliste für den fälligen
Tierarztbesuch zusammen:
·
neben
einigen Impfungen für Hunde und Katzen müssen zwei Kater
kastriert und tätowiert werden;
·
neu
eingelieferte Hunde, die von ihrem Besitzer nicht abgeholt
werden, bekommen einen Mikrochip implantiert;
·
bei
einem Kaninchen sind nach einer Operation vor 10 Tagen die Fäden
zu ziehen,
·
ein
Hund lahrnt zeitweise;
·
ebenso
werden einige Medikamente benötigt.
Vom
Tierarzt zurück, erfahre ich über "Joda‘s"
schlechten Zustand.
Seine Nierenwerte sind sehr hoch; ob wir das
mit einer speziellen Nierendiät und Infusionen wieder
hinbekommen ist sehr fraglich, da der Kater schon sehr schwach
und alt bei uns abgegeben wurde.
Nachdem
"Joda" versorgt ist, werden die Kleintierunterkünfte,
die z. Z. sehr stark mit Kaninchen, Meerschweinchen, Hamstern, Mäusen
und Ratten belegt sind, von Rosi Feisel und einer Praktikantin
gesäubert.
Sind
alle Putzarbeiten bei den Tieren erledigt, kommen die
allgemeinen Räumlichkeiten wie Küche, Büro, Flur etc. an die
Reihe. Bis es dann um 15:00 Uhr mit dem Publikumsverkehr
losgeht, haben wir uns alle die Mittagspause wohl verdient.

Sommerfreilauf
für Kleintiere

Um
15:00 Uhr wird geöffnet und viele ‚Gassigeher - aber auch
andere Besucher - sind bei diesem wunderbaren Wetter heute
gekommen.
Fast
jeder Gassigeher hat seinen Liebling, der ihm von Cora Bonnet
aus den Zwinger herausgegeben wird. Schnell noch ein Tütchen
mit "Leckerlies" einstecken und schon kann es
losgehen. Nach ca. 30 - 45 Minuten wird gewechselt, so dass
jeder Hund spazieren geführt wird.
Das
Telefon steht nicht still, im Vorraum drängen sich die
Besucher. Fast jeder hat ein kleines Problem, das wird gemeinsam
zu lösen versuchen.
Ein
Hund wird gesucht - erleichtert stellen wir fest, dass es einer
der beiden Fundhunde vom Sonntag ist. Eine Empfangsbescheinigung
muss vom Besitzer unterschrieben werden, dann nimmt er über- glücklich
seinen Ausreißer in Empfang. Zum Schluss bekommt er den Rat, am
Halsband Adresse und Telefonnummer zu befestigen sowie vom
Tierarzt einen Mikrochip implantieren zu lassen, durch den wir
mit Hilfe eines Lesegerätes den Besitzer ausfindig machen können.
Etwas
später erscheint eine ältere Dame in Begleitung ihrer Tochter.
Auf ihrem Arm sitzt eine völlig übergewichtige Katze. Unter Tränen
erklärt sie, dass sie sich aus gesundheitlichen Gründen von
"Nicki" trennen muss. Sie geht in ein Pflegeheim, wo
keine Tiere erwünscht sind, und von den Angehörigen will
keiner das alte Tier haben - es könnte ja Tierarztkosten
verursachen.
Während
Conny Bauer die Katze in die Aufnahmestation bringt und
versorgt, bereite ich die Verzichtserklärung vor und verspreche
der alten Dame, dass wir uns um die Katze kümmern.
Draußen
wartet ein junges Paar, der Mann hat einen Karton mit einer
toten Katze auf dem Arm. Beide sind völlig fertig und können
kaum sprechen. Nachdem Rosi Feisel die Katze entgegengenommen
hat, erfahre ich, dass sie beim Heimkommen ihre Katze im
gekippten Fenster vorgefunden hätten - sie war schon tot.
Leider passieren solche Unfälle“ sehr oft; immer wieder
fragen wir uns, warum. Ist es Unwissenheit???
Das
Tierheim ist Tierkörpersammelstelle für die Stadt Offenbach.
Verstorbene Tiere können bei uns vom Besitzer direkt abgegeben
werden. Die meisten toten Tiere bekommen wir von der Feuerwehr -
fast immer handelt es sich hierbei um Verkehrsunfälle. Kein schöner
Anblick! Heute ist die Truhe fast voll und die Tierkörperbeseitigungs-
Firma muss für die Leerung am nächsten Tag bestellt werden.
Unter den vielen Telefonaten gibt es mehrere Nachfragen nach
Pflegeplätzen für die bevorstehende Urlaubszeit. Durch die
Aktion ‚Nimmst Du mein Tier, nehm ich Dein Tier‘ können
einige Adressen ausgetauscht werden.
Eine
allein stehende Damen braucht sofort einen Pflegeplatz für
ihren Hund. Sie fährt morgen in Urlaub und die Pflegestelle,
bei der sie sich angemeldet hatte, sagte kurzfristig wegen
Erkrankung ab. Nach mehreren Telefonaten konnte mit einer
privaten Adresse weitergeholfen werden.
Für
den Dobermannrüden "Randy" gibt es Interessenten. Das
Paar hatte sich schon vor vier Wochen in "Randy"
verliebt und war seitdem regelmäßig mit ihm und seinem
Gassigeher unterwegs. Heute sollen die Formalitäten erledigt
werden, damit "Randy" auf "Probe"
mitgenommen werden kann. Während der Drucker den
Vermittlungsvertrag ausdruckt, klingelt schon wieder das
Telefon. Eine Erzieherin fragt an, ob sie mit einer
Kindergartengruppe das Tierheim besuchen dürfe. Wir vereinbaren
einen Termin für 15 Kinder mit Begleitung. Regelmäßig
besuchen Kindergärten und Schulklassen unsere Einrichtung, um
sich zu informieren.
Der
Vertrag für "Randy" ist fertig und unterschrieben,
ebenso das Formular zur Anmeldung im Haustierregister des
Deutschen Tierschutzbundes. Nachdem der lmpfpass an die neuen
Hundebesitzer übergeben wurde, ist jetzt der Augenblick
gekommen, wo wir uns von "Randy", der fünf Jahre im
Tierheim lebte, verabschieden. "Randy" war schon
mehrmals vermittelt und wurde immer wieder zurückgegeben, aber
nun haben wir das Gefühl, dass es dieses Mal klappt. Seine
neuen Besitzer versprechen, uns zu besuchen, sobald
"Randy" sich eingelebt hat.
Viel
Glück, "Randy"!
Mittlerweile
ist es fast 17:00 Uhr und die meisten Hunde sind vom Spaziergang
zurück. Beim Gassigehen ist einer unserer Hunde mit der
Vorderpfote in eine Glasscherbe getreten und blutet stark.
Nachdem die Wunde gereinigt und desinfiziert ist, sieht man,
dass es sich nur um einen kleinen Schnitt handelt, der aber
immer wieder blutet. Mit einem Druckverband kann geholfen
werden; nach einer halben Stunde sehen wir nochmals nach ihm -
die Blutung ist gestillt, der Verband bleibt sauber und trocken.
Nun
beginnt das Nachfüttem: Die Hunde bekommen heute nur
Kohlekekse, bei den Katzen werden die leer gefressenen Näpfe
noch mal aufgefüllt und die Wasserschüsseln nachkontrolliert.
Im
Büro wartet ebenfalls Arbeit:
Verträge
müssen abgelegt werden, für neu aufgenommene Tiere wird eine
Akte angelegt, die Einnahmen des Tages müssen im Kassenbuch des
PC gebucht werden etc.
Es
ist nach 18:00 Uhr; Ruhe bei allen Vierbeinern, die zufrieden in
ihren Boxen liegen, ist eingekehrt. Nun werden noch alle Zwinger
kontrolliert und die Türen abgeschlossen.
Gute
Nacht, Vierbeiner!
Ein
letzter kurzer Plausch mit den Kolleginnen und das Tierheim wird
bis zum nächsten Morgen geschlossen.
Hinweis:
Zu diesem Thema steht Ihnen unser Film „Ein Tag im Tierheim
Offenbach“ zur Verfügung. Interessenten melden sich bitte in
kleinen Gruppen unter Telefon 069 - 85 81 79 an.
*) "Feuerwehrboxen": 2 Zwinger, zu denen die Feuerwehr
einen Schlüssel besitzt und Tag und Nacht Zugang hat, um
Fundtiere einzuliefern.
**) Chip: Ein Mikrochip hat etwa die Größe
eines Reiskorns, ist mit einer Nummer versehen und wird zw. den
Schulterblättern unter die Haut gespritzt (schmerzlos).